Internatsleben

Mitternachtsparty 1987 im Mädchenstock

02. August 2022

Eine ehemalige Internatsschülerin plaudert aus dem Nähkästchen:

Ich war eine Leseratte und Buchserien über Internatsgeschichten von Enid Blyton (Hanni und Nanni, Dolly) las ich besonders gern. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Freundschaften, die Abenteuer… Ich wollte das auch erleben! Also ab ins GG-Schülerheim.

Ein prachtvoll ausgeschmücktes Abenteuer war das obligatorische „Mitternachtsfest“, das mindestens einmal pro Schuljahr/Buch stattfinden muss. Meine Zimmerkameradin hatte nur zehn Tage vor mir Geburtstag. Was lag näher, als unsere Geburtstage zusammen als spannende Mitternachtsparty zu feiern?

Sonntagabends, am Anreisetag nach den Weihnachtsferien, bereiteten wir unser Zimmer vor: Tische zu einer großen Tafel zusammenschieben, Schokoladentorte drauf, Tisch decken für unsere Gäste, Zimmer dekorieren. Die Spannung stieg. Die zum Abenddienst eingeteilte Lehrerin fragte argwöhnisch nach, warum wir das Zimmer partyfein hergerichtet hatten. Wir redeten uns heraus, wir hätten nur für den nächsten Tag schon alles vorbereitet. Brav kletterten wir ins Bett, waren natürlich aufgekratzt und aufgedreht. Das Einschlafen fiel sehr schwer. Als dann allerdings um Mitternacht der Wecker klingelte, war das Aufstehen schlimmer als das Einschlummern. Beide wussten wir in diesem Moment, dass ein Fest zur Geisterstunde einen gewaltigen Haken hat: Man lässt sich freiwillig mitten aus dem goldenen Schaf reißen, muss dann rumhuschen und die Gäste wecken, die wiederum mürrisch und schlecht gelaunt sind. Nur einige der geweckten Gäste krochen aus dem Bett. Die Hälfte drehte sich nur knurrend auf die andere Seite um und zog die Bettdecke über den Kopf. Die Tapferen, die sich dann zur Feier einfanden, gähnten, rutschen fast vom Stuhl vor Müdigkeit und, was am schlimmsten war, keiner hatte wirklich Lust zu dieser Nachtzeit sich mit Kuchen vollzustopfen. Musik aufdrehen und Licht anschalten waren ebenfalls keine Option, da man dies vom Dienstzimmer aus bemerkt hätte. Stumm und gefrustet saßen wir zu fünft im Dunklen am Tisch, kauten lustlos Kuchen und waren froh, als wir uns endlich wieder in die kuscheligen Betten begeben konnten. Mitternachtsparty fand in meiner gesamten Internatszeit keine mehr statt. Wir waren kuriert!

Der große Unterschied zwischen Blytons erdachten Partys und unserer war die Epoche. Die Internatsbücher schrieb die englische Autorin während des zweiten Weltkriegs. Es wurden Speisen als Delikatessen beschrieben, die unsere Generation Satt nicht mehr zu würdigen wusste. Kuchen essen war einfach kein Abenteuer. Da half auch keine Geisterstunde. Aber Zusammengehörigkeitsgefühl und Freundschaften im Internat waren und sind zeitlos!

©Abi 95